Berlin in der Mache – Der Straßenfeger

Peter Fox machte ihn berühmt, weit über die Grenzen Berlins hinaus: „Gepiercte Mädels wollen, dass ich Straßenfeger lese“ heißt es im Song Schwarz zu Blau (für alle Fans, wie mich: Das Video ist unten).

Seit meinem Umzug im Januar 2016 arbeitet ich regelmäßig an der berühmt-berüchtigten Straßenzeitung mit. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Ausgabe, jeweils zu einem anderen Thema. In den einzelnen Ausgaben platziere ich dann eine Doppelseite mit meiner Interpretation des Titelthemas.

Hier seht ihr meine Arbeit zum Titel „Made in Berlin“ Ausgabe Nr. 14 Juli-August 2016. Andere Themen waren bisher z.B. Winter Adé, Heimat, Alles Müll, Schöner Wohnen und die gute Frage Was soll das Ganze eigentlich?

Berlin in der Mache – Wenn etwas Neues entsteht

Straßenfeger

TEXT & FOTOS: Katharina Tjart

Einige gepiercte Mädels verkaufen den Straßenfeger tatsächlich, einige gepiercte Jungs auch, Ungepiercte von beiden Geschlechtern und viele andere. Denn das Konzept hinter der berühmtesten Straßenzeitung Deutschlands lautet so: Sozial Schwache registrieren sich als Verkäufer beim Herausgeber des Blattes, dem gemeinnützigen Verein mob e.V. Sie verkaufen die jeweils aktuelle Ausgabe auf den Straßen, Bahnhöfen und Plätzen, in Bussen, Bahnen und Cafés. Vom Verkaufspreis von 1,50€ pro Ausgabe erhält der Verkäufer jeweils 90 Cent. Ziel ist es, die Verkäufer so Schritt für Schritt wieder oder zum ersten Mal an einen selbstbestimmten, verantwortungsbewussten Alltag heranzuführen.

Den Inhalt der Zeitung liefern freiberufliche Journalisten wie ich: Profis, Amateure, Vereinsmitarbeiter, derzeitige und frühere Zeitungsverkäufer. So kommen gute, vielseitige Sachen zustande: Meine Bilderserien tummeln sich unter Berichten hautnah vom Berliner Asphalt, gesellschaftskritischen Kolumnen und interessanten Meldungen über Themen, die in den Mainstream Medien oft keine Beachtung finden. Ein Interview mit dem Dalai Lama ist nur eins von vielen Prachtstücken einer der letzten Ausgaben!

Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein.

Der Straßenfeger in Berlin ist wohl dank Peter Fox die bekannteste, aber nicht die einzige Straßenzeitung Deutschlands. Deutschland- und auch europaweit gibt es in vielen Großstädten Veröffentlichungen mit sozialem Konzept. Für so manchen Verkäufer werden sie zum Rettungsring auf hoher See. Dem Ruf, die Zeitungen würden oft von Gangster-Banden und Schnorrern missbraucht, um Leute reinzulegen oder zu belästigen, versuchen die Herausgeber mit Erkennungssymbolen wie Verkäuferwesten oder Ausweisen entgegenzuwirken. Manchmal trifft man auf einen, der sich in die Straßenbahn voller gereizter pendelnder Arbeitnehmer traut, sich und den Straßenfeger kurz vorstellt, mit klarer, lauter Stimmt seinen holprigen Lebensweg zusammenfasst. Der Blick meistens fokussiert grade aus, etwas über Kopfhöhe, um an all denen vorbei zu schauen, denen er nicht einen Blick wert ist. Bis man ihm winkt oder sein Portmonaie rausholt, um ein Exemplar der Zeitung abzukaufen. Erleichterung macht sich breit und die Augen werden ganz weich. Das kann nicht der Wert der 90 Cent sein. Sondern vielmehr der Wert davon, sich überwunden zu haben. Einen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben, trotz des eiskalten Desinteresses und Ablehnung der Meisten.

Also, liebe Freunde, haltet Ausschau nach der Straßenzeitung in eurer Nähe 🙂 Es steckt viel dahinter!

Im Archiv des Straßenfegers findet ihr einige meiner Veröffentlichungen. In meinem persönlichen Archiv zuhause gibt’s diese und auch alle anderen in gedruckter Form. Also schreibt mich an, kommt vorbei und stöbert auf den Straßen Berlins – ich zeig sie gerne her 🙂

Jetzt endlich noch für die Peter-Fox- und Berlin-Fans: Hier ist das Video, das meinen Gelegenheitsarbeitgeber berühmt machte: