Nachhaltig nachhaltig

principle-16

Nachhaltigkeit scheint eins der großen Buzzwords unserer Zeit zu sein. Alles und jeder soll nachhaltig sein, jede Branche setzt jetzt auf Nachhaltigkeit und alles was grün ist, ist im allgemeinen Verständnis damit gleichzusetzen.

Klar ist es dadurch noch lange nicht, was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet, weder im Allgemeinen, noch für den Einzelnen von uns. Welcher Lebensstil ist nachhaltig? Auf welche Bereiche lassen sich nachhaltige Konzepte anwenden? Ist Autofahrer jemals nachhaltig? Muss man vegetarisch oder vegan essen, um nachhaltig zu leben? Heißt es nicht eigentlich nur, dass etwas beständig ist? Auf welchen Zeitraum bezieht sich „beständig“? Wie sehr muss man sich für Nachhaltigkeit engagieren, um zu sagen, man lebt nachhaltig?

Die Organisation Earth Charter International soll der Verwaltungsapparat der weltweiten Nachhaltigkeitsbewegung sein. Basis für ihre Arbeit ist eine Charter aus 16 Prinzipien, die sich um die vier großen Bereiche unseres Zusammenlebens auf Erden drehen: Politik, Wirtschaft, Soziales und Umwelt.

Das Ziel der Organisation ist eine bessere Welt. Dafür sollen möglichst viele (oder alle!) die Charter anerkennen und sich an sie halten. Sie startete im Jahr 2000 mit der Unterstützung vieler prominenter Politiker und Institutionen: Mikail Gorbechev hat sie mit aus der Taufe gehoben; das niederländische Königshaus hat sie gleich anerkannt; und UNESCO ist bis heute ein großer Sponsor der Organisation.

Die Earth Charter kann tatsächlich als verständliche Definition von Nachhaltigkeit herhalten: Die Prinzipien sind ziemlich allgemeingültig verfasst und universell anwendbar. Unterpunkte behandeln zusätzlich genauere Aspekte der Prinzipien.

Die Fotos in der Galerie illustrieren die Prinzipien der Earth Charter. Sie dienen als Vorlage für ein Postkarten-Set, das den Partnern von Earth Charter International und anderen Fans der Charter zur Verfügung gestellt werden und die Prinzipien zugänglicher machen sollen.

Doch die Organisation Earth Charter International kann dennoch den erwünschten Erfolg nicht ansatzweise erzielen: Die Bekanntheit der Charter hält sich in ziemlich engen Grenzen und ob die Prinzipien nach Anerkennung auch ausgelebt werden, wird nirgends überprüft. Woran es scheitert ist schwer zu sagen: Das Interesse an Nachhaltigkeit ist ja zumindest im Moment ziemlich groß. Vielleicht fehlt es jedoch an beständigem Interesse daran: Ist die Nachhaltigkeitsbewegung nur ein flüchtiger Trend? Die Organisation ist mit 3 Mitarbeitern sehr dünn besetzt, vielleicht scheitert es also auch an mangelnder Manpower.

Vielleicht scheitert auch die politische Herangehensweise an das Thema Nachhaltigkeit. Politischen Entscheidungsträgern und Institutionen ein allgemeingültiges Dokument vorzulegen ist schnell getan, und wenn die Einhaltung nicht überprüft wird, ist wohl auch die Anerkennung schnell erledigt. Ob die Prinzipien dann in politischen Entscheidungen Ausdruck finden hängt besonders in Demokratien ja auch von einem anderen Faktor ab: Dem Volk. Das Volk muss die Prinzipien für eine bessere Welt ausleben und einfordern – und das Volk mit einem allgemeingültigen politischen Dokument zu überzeugen ist schon weit aus schwieriger.

Die Berliner Firma Sustainability Intelligence nähert sich dem Thema von der wirtschaftlichen Seite: Ein Team von Analysten untersucht börsennotierte Unternehmen auf Nachhaltigkeit anhand einer eigenen Methode, die Ö2SE genannt wird: Ökologische, ökonomische, soziale und ethische Aspekte werden untersucht.

Die Wirtschaft in den Ansatz an Nachhaltigkeit mit einzubeziehen klingt vielversprechend und ziemlich notwendig: Unternehmen sind nun mal ein großer Teil unserer Gesellschaft, sie beeinflussen Politik und Umwelt, genauso wie unser Privatleben. Zudem steckt in der Wirtschaft bekanntlich das meiste Geld, nicht nur für persönlichen Reichtum, sondern auch für Forschung und Entwicklung. Daran hängt nicht nur der Launch neuer Produkte, sondern auch Bildung und Investitionen in neue Wirtschaftszweige. Und daran hängen Jobchancen und persönliche Geschichten vieler junger Leute.

Nichtsdestotrotz klingt börsennotierte Wirtschaft und Nachhaltigkeit irgendwie widersprüchlich: Diese Unternehmen streben doch alle dauerhaftes Wirtschaftswachstum an; wie soll das nachhaltig sein? Auf unsere Kosten geht es vielleicht nicht immer, aber irgendwer auf der Welt wird den Preis schon zahlen.

Die meisten der untersuchten Firmen werden noch mit den Nachhaltigkeitsaspekten zu kämpfen haben; sonst gäbe es die Firma Sustainability Intelligence ja nicht. Also muss es wohl noch viel Luft nach oben geben. Aber wenn nachhaltige Wirtschaft nicht mehr unbegrenztes Wirtschaftswachstum bedeutet, werden sich die Verantwortlichen in börsennotierten Unternehmen wohl kaum davon überzeugen lassen.

Scheitert der Weg über die Wirtschaft also genauso wie der über die Politik? Muss es eine Kombination aus beiden geben? Wahrscheinlich ja, nur wer macht den Anfang? Der Konsument, also das Volk mal wieder?

Und welche Rolle spielen die öffentlich-rechtlichen Medien? Haben die vor allem einen Bildungsauftrag, sollten sie also darüber aufklären, was Nachhaltigkeit ist, wie man sie lebt und wo man sie findet?

Oder sollten sie zuerst darüber informieren, was in der Welt grade passiert: Ziemlich unnachhaltige Wirtschaft und Politik?

Kürzlich lief auf ARD der Film „10 Milliarden“ von Valentin Thurn.  Er  handelt von der Reise des Korrespondenten um die Welt mit der Frage, ob und wie wir n Zukunft die wachsende Weltbevölkerung ernähren können. Dabei stieß er auf genmanipulierte, von herrscherischen, reichen Global Playern verkaufte Gemüsesorten, die Bauern weltweit in Abhängigkeit stürzten. Andererseits lernte er hartnäckige, emanzipierte, sympathische Widerstandskämpfer kennen, die auf traditionsbewusste, natürlich angebaute Landwirtschaft setzten und sich gegen Konkurrenz und äußeren Druck liebevoll durchsetzten.

Der Film war schön und wahrscheinlich auch sehr wahrheitsgetreu, aber eindeutig manipulierend: Er sollte die Zuschauer wahrscheinlich inspirieren, selbst mehr auf nachhaltige Herkunft von Lebensmitteln zu achten. Auch aufklärerische Ambitionen könnten dahinter stecken; schließlich fehlt es vielerorts wahrscheinlich echt an Wissen z.B. über weltweite wirtschaftliche Abhängigkeiten und deren Folgen. Aber die Darstellung des Inhalts war schon sehr einseitig: Man merkte schon, wer auf der guten und wer auf der dunkeln Seite der Macht stand.

Vertreter der Nachhaltigkeitsbewegung können das sehr gut finden; schließlich zählten die Nachhaltigen ja zu den Guten. Aber manipulierende Medien sind ja allgemein auch unter Nachhaltigkeitsverfechtern ziemlich verpönt. Wie nachhaltig ist es dann wieder?

Ein Scheitern der Bewegung lässt sich wahrscheinlich auf viele globale Stakeholder gleichermaßen schieben. Lässt sich aber wahrscheinlich auch genauso noch abwenden, wenn man viele globale Stakeholder gleichermaßen an Board bekommt.

Nachhaltig lässt sich Nachhaltigkeit wohl tatsächlich nur ganzheitlich umsetzen. Ist ja naheliegend. Wo fängt man an? Wo etabliert man sich selbst, persönlich und am Anfang der Berufslaufbahn auch beruflich?

Die Diskussion geht weiter. Nehmt gerne Kontakt auf, wenn ihr euch für das Thema interessiert, mehr erfahren wollt, oder mehr zu sagen habt!

Kontakt