Über’s putzen

Putzen muss sein und wird doch verurteilt.

Ich möchte seit einiger Zeit gerne eine extensive Portraitreihe über Putzfrauen machen. Der Auslöser war eine Freundin von mir, die nach ihrem erfolgreichen Master-Studium sich übergangsweise als freiberufliche Putzfrau den Lebensunterhalt verdiente. Sie kam zu dem Job über ihren Freund, ein ausgebildeter und erfahrener Psychologe. Die beiden jobbten eine Zeit lang als unverbindliche Reinigungsleute in Büros oder privaten Haushalten.

Was oder wer mich dabei zum Nachdenken über eine Portraitreihe gebracht hat, kann ich nicht mehr sagen: Ob es die Reaktion der Leute war, wenn ich erzählte, dass diese Freundin mit Uni-Abschluss nun putzen geht; ob meine eigene Reaktion darauf, als sie mir davon erzählte; oder ob es die Art war, wie sie selbst davon sprach. Nun reift auf jeden Fall die Idee in mir, eine Portraitserie zu erstellen, die die Geschichte hinter Putzfrauen und -männern zugänglich machen soll, weil das den meisten wahrscheinlich gar nicht bewusst ist, dass putzen nicht nur für Sozialschwache ist.

Meine Mutter ist selbst seit über 20 Jahren als Putzfrau in einer Firma angestellt. Immer wieder überrascht sie mich mit Bemerkungen darüber, wie minderwertig sie sich durch diese Stelle fühlt. Letztens sagte sie, sie überlege, eine Teilzeit-Stelle zu suchen, weil man sich mehr als Mensch fühle, wenn man ins System einzahle.

Heißt das, sie wird unmenschlich behandelt? Oder heißt das, sie nimmt sich selbst nicht als wertvollen Menschen wahr? Und warum/warum nicht? Weil sie nicht den Staat mitfinanziert? Oder weil sie ihr Geld mit putzen verdient?

Ich respektiere meine Mutter für ihre Berufswahl: Sie hatte immer Zeit für uns Kinder und wir waren immer gut versorgt. Wir sind als Familie regelmäßig in den Urlaub gefahren und wir haben alle gute Hauswirtschaftskenntnisse mitbekommen. Ganz ohne Job oder mit einem Teilzeitjob meiner Mutter wäre das anders gewesen.

Und dennoch fand ich mich in folgender Situation wieder, die mich über meine eigene Wertschätzung von Putzfrauen nachdenken ließ: Ich hatte mich entschlossen, meinen Vollzeitjob aufzugeben. Ich hatte keine konkrete Alternative an der Hand und sprach mit meinem Freund ab, ich würde den Haushalt führen, bis sich eine gute berufliche Laufbahn ergab. Kamm war diese Absprache getroffen, nagte der Selbstzweifel an mir: Ich bin zu nichts zu gebrauchen, außer putzen.

Die Putzfrau in der Firma, wo ich arbeite, guckte mich ungläubig an, als ich sie fragte, ob sie einen Kaffee trinken will. Sie wollte einen, aber meinte, das frage sie sonst keiner, auch wenn die Kollegen sich grade um die Kaffeemaschine versammelt hatten, wenn sie reinkommt.

Im Restaurant, wo ich in der Studienzeit kellnerte, sagte der Chef zum Putzmann, der nachts den Laden säuberte, er habe ein Geschenk für ihn: Einen neuen Bodenwischer, weil der alte kaputt war. Als müsse der Reiniger dankbar sein, dass er seinen Job damit wieder machen kann.

Und ein Freund sagte mir sogar, die Putzfrau seiner Firma fragte ihn mal, warum er sie immer so nett grüße, sie sei doch nur die Putzfrau.

Warum nehmen wir Putzmänner und -frauen als minderwertig war? Und warum nehmen sie sich selbst auch so wahr? Passiert das automatisch, wenn sie lange genug so behandelt werden? Oder stellen sie sich selbst so dar und werden dann auch so wahrgenommen?

Weil es ein unqualifizierter Job ist? Meine Freundin hat einen ziemlich guten Studienabschluss und hat trotzdem in einem leicht beschämten Ton erzählt, welchen Übergangsjob sie gewählt hatte.

Weil man keinen Studienabschluss braucht, um den Job auszuführen? Dann müssten sich viele Chefs und Manager im deutschen Mittelstand genauso minderwertig fühlen; dort werden nämlich viele Firmen ohne Bachelor, Master oder Diplom geführt.

Weil viele putzen als Minijob und damit keine Abgaben zahlen vielleicht. Ist das dann die Problematik einer Demokratie: Der Bürger identifiziert sich so stark mit dem Staat, dass er sich minderwertig und unmenschlich fühlt, wenn er nicht in die Staatskasse einzahlt?

In meiner Portraitreihe möchte ich Reinigungskräfte in sachlichen Nahaufnahmen in A4 oder A3 Größe darstellen mit monotonem Hintergrund und einfacher Beleuchtung. Ein Text, der die Geschichte der Person darstellt, soll zu jeder Aufnahme dazukommen. Damit kann sich jeder Betrachter  – und vor allem ich selbst – mit den Individuen beschäftigen, die wir alle irgendwie als minderwertig wahrnehmen.

Damit könnte man die Vorurteile und Verurteilungen angehen, die viele mit Reinigungsleuten und Putzjobs verbinden. Irgendwie habe ich aber auch Angst, welche meiner eigenen Vorurteile dann noch ans Licht kommen. Ich frage mich, ob ich erstaunt wäre, wenn mir jemand erzählen würde, er/sie mache das eigentlich gerne oder habe dafür sogar eine scheinbar bessere Stelle sausen lassen. Und wie ich meiner Mutter begegnen würde, wenn mir jemand oder sogar viele erzählten, dass es die Hölle auf Erden sei, täglich fremde Toiletten zu putzen.

Und ich frage mich auch, ob ich mit dieser Reihe eine Zielgruppe haben würde. Wenn ich ein Buch mit Putzfrauen-Portraits herausbringen würde, würde das wer kaufen? Oder beschäftige nur ich mich mit der Thematik? Wenn nur ich darüber nachdenke, könnte das auch der Grund für die minderwertige Behandlung sein. Dann käme meine Serie ja gerade richtig 😛