Tourismus – Die schlimmste Form von Kapitalismus?

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Ali ist studierter Anwalt, spricht fünf Sprachen fließend, und arbeitet als Surflehrer. Tourismus nennt er die schlimmste Form von Kapitalismus. 

Es ist Urlaubszeit. Das heißt für viele von uns Koffer packen und verreisen. Und für viele dieser vielen steht verreisen für Pauschalurlaub. Zum ersten mal war ich dieses Jahr eine dieser vielen.

Wir waren im Mai eine Woche in Ägyptens Tourismushochburg Hurghada. Das Hotel war halb leer, hatte drei Mal täglich ein Buffet mit immer sehr ähnlichen Speisen, zwei Pools und eine Menge Personal. Und so waren die anderen Hotels in der Stadt scheinbar auch.

Mein Freund machte einen Kitesurfing-Kurs mit und so lernten wir Ali kennen, der Trainer des Kurses. Ali unterrichtete fließend in Deutsch, Englisch, Russisch, Französisch und Niederländisch. Und Arabisch spricht er als Ägypter ja sowieso. Es stellte sich raus, dass Ali ein Jura-Studium abgeschlossen hatte und auch eine Zeit lang in Kairo als Anwalt arbeitete. Dort leben auch seine Frau und sein Sohn.

Wie Ali zum Kitesurflehrer wurde erklärte er mit einer einfachen Frage: „Was soll ich denn sonst machen?“ sagte er schulterzuckend. „Als Anwalt kann man kein Geld verdienen und funktionierende Industrien haben wir nicht.“ Den anderen Surflehrern in der Schule ging es ähnlich: Viele waren Akademiker, Familienväter und machten den Job aus der Not heraus.

Für Ali hat der Massentourismus das Land in die Knie gezwungen, und damit auch die Bürger. „Tourismus ist die schlimmste Form von Kapitalismus. Sogar schlimmer als Banken“ sagte er. Einerseits erschuf die Besucher-Industrie den Job, der jetzt seine Familie durchbringt. Andererseits glaubte Ali, dass es ohne Massentourismus niemals so weit gekommen wäre, dass hochqualifizierte Akademiker zur Urlaubsbespaßung herhalten müssten. Seine Familie sah er nur alle paar Monate, seine Frau fand, er mache sich lächerlich als Surflehrer und seinem Sohn würde er gerne ein besseres Vorbild sein.

Hinter der Fassade des gut gelaunten Surflehrers konnte man ziemlich leicht einen Kern entdecken aus Resignation, Frustration und Hilflosigkeit. Dabei möchten wir Touristen genau das Gegenteil mit unseren Urlaubsorten verbinden. Und vielen von uns gelingt das auch, zumindest solange man sich davor drückt, sich mit den Menschen, denen man begegnet, auseinander zu setzen – wenn auch nur oberflächlich.

Ich glaube, wer sich für einige Momente wahrhaftig auf andere Kulturen und deren Menschen einlassen kann, wird vom Massentourismus sehr schnell die Schnauze voll haben. Kulturell und intellektuell bietet er ohnehin nur sehr wenig. Und die restlichen Reize verschwinden doch für den, der sich dafür öffnet, dass er auf unzählige Menschen den gegenteiligen Effekt hat, als der, den wir uns davon versprechen.

Warum?

Warum strömen trotzdem Millionen Menschen in die touristischen Hotspots weltweit? Können sie sich nicht in Leute wie Ali hineinversetzen? Oder können sie sich über das Mitgefühl hinwegsetzen? Unwissenheit kann nicht der Grund sein, selbst wenn sie nie mit Ali und seinen Leidensgenossen über Persönliches gesprochen haben, denn schließlich wird der destruktive Effekt von Massentourismus mittlerweile weit verbreitet diskutiert.

Was kann die Zukunft von Tourismus sein? Denn ganz ohne Verreisen nur zum Spaß kann sich wohl keiner von uns sein Leben mehr vorstellen. Nachhaltiger Tourismus – was heißt das und ist das möglich? Tourismus und Migration – wie hängt das zusammen? Ist auch derjenige schuldig, der nicht aus Spaß verreist, sondern aus anderen Gründen, z.B. geschäftlich? Aber ist nicht Tourismus auch ein großes Geschäft?

Wer die Antworten kennt, kann sich gerne bei mir melden – und wer noch mehr Fragen hat auch 😉