Essen und Identität

Essen-Identität

Essen und Kultur hängen bekanntermaßen zusammen, so wie der Buchweizen zu unserer russland-deutschen Kultur dazu gehört. Beeinflusst Essen unsere Identität noch viel mehr, außer über die kulturelle Dimension?

Essen und Kultur – das gehört für viele offensichtlich zusammen. Entsteht über die Kultur auch unsere Identität? Wenn ja, entsteht dann also über Essen unsere Identität? 

Das Buch „Darm mit Charme“ hat mir viele interessante Dinge vermittelt über Bakterien und Mikroben, die in unseren Därmen aktiv sind und unser Leben, inkl. Gefühlslage, Mentalität und Gedanken, beeinflussen. Diese Bakterien reagieren natürlich darauf, was wir zu uns nehmen: Sie werden aktiv, inaktiv, verändern sich, vermehren sich oder verschwinden. Einige kommen neu hinzu, andere gibt es schon seit der Geburt in uns. Einige bleiben nur im Darm, andere setzen sich in Schleimhäuten ab, wieder andere sogar im Hirn.

Essen und Kultur

In einem kulturellen Raum ist die Ernährung ja für gewöhnlich sehr ähnlich. Regionale Abweichungen kommen natürlich vor, doch im Großen und Ganzen sind die Lebensmittel und Zubereitungsarten sehr ähnlich, sowie wahrscheinlich auch die Art zu Essen und die mit Essen verbundenen Traditionen und Zeremonien.

In einem Kulturkreis finden sich der Autorin Guila Enders zufolge auch sehr ähnliche Darmbakterien. Teilweise scheint es sogar exklusive Arten von Bakterien für bestimmten Kulturen zu geben. Darmbakterien und Kultur scheinen also über das Essen zusammenzugehören.

Kultur und Identität

Wie sehr die heimische Kultur die eigene Identität beeinflusst, weiß vermutlich jeder, der sich mit wachen Augen schon mal im Ausland aufgehalten hat. Auch im Inland kann man die Identifikation mit Kulturen (und/oder Nationen) zur Zeit gut beobachten. Man stimmt mit den Gewohnheiten, Vorlieben, Eigenarten, Fähigkeiten, manchmal auch mit den Gedanken der In-Group, zu der man zählt, weitestgehend überein, zumindest auf einer bestimmten Ebene: Als Deutsche mögen wir unseren geregelten Straßenverkehr, wir essen nicht gerne Hund, Frauen und Männer sind gleichermaßen am öffentlichen Leben beteiligt usw.

Diese Eigenschaften finden die meisten von uns in uns wieder und sie gehören zu unserer individuellen Identität. Unser heimischer Kulturkreis beeinflusst also unsere Identität. Das würde wahrscheinlich kaum jemand leugnen.

Kultur – Identität – Essen

Kultur gehört also zur Identität, und Essen gehört zur Kultur. Und wenn man bedenkt, dass Darmbakterien unser Verhalten, unsere Gedanken und unsere Gemütslage beeinflussen, scheint Essen tatsächlich einen großen Beitrag zu unserer Identität zu leisten.

„Du bist, was du isst“ – also wirklich? Wenn ja, was bedeutet das für diejenigen, die ihr Essverhalten ändern? Sind sie dann andere Menschen? Ändert sich zuerst das Essen und dann die Identität? Oder ändert sich zuerst die heimische Kultur (z.B. durch Umzüge, äußere Einflüsse, Migrationen etc.) und damit ändert sich dann auch das Essen, und damit die Identität?

Welche Rolle spielen dann Diäten bei unserer Identitätsfindung? Ist man dann vom Abnehmwahn wirklich total eingenommen?

Was ist, wenn man aus gesundheitlichen Gründen seine Ernährung umstellen muss? Hat die Krankheit einen dann „komplett eingenommen“?

Und was ist mit Krankheiten, die von der Ernährung resultieren? Sind das dann nicht auch „kulturelle“ Krankheiten? Muss sich dann jeder aus dem Kulturkreis Gedanken machen, auch daran zu erkranken?

Was müsste die Ernährungsindustrie beachten, wenn man bedenkt, dass sie unser aller Selbstbild so beeinflusst? Oder was beachtet die Ernährungsindustrie schon heute, um unser Selbstbild in bestimmter Weise zu beeinflussen?

Was bedeutet das für die Kultur? Wenn Essen das Verhalten der Leute beeinflusst, die in einem bestimmten Umkreis leben, ist es dann auch das, was eine Kultur am meisten beeinflusst? Müsste sich die Kulturforschung vielleicht mehr mit den genauen Bestandteilen der Nahrung eines Kulturkreises auseinandersetzen? Kann man darüber, welche Nahrung man für bestimmte Bevölkerungsgruppen verfügbar macht, sogar politisch eingreifen?

Individuelle Identität

Man bleibt natürlich noch ein Individuum und die Identität wird sicher von unzähligen Faktoren neben Kultur und Essen beeinflusst. Trotzdem finde ich die Verknüpfung Essen – Identität sehr interessant. Sie ist einerseits sehr naheliegend – über die Kultur – und andererseits sehr abwegig: Können Darmbakterien das Verhalten ganzer Bevölkerungsgruppen beeinflussen, indem sie auf das lokale Essen reagieren und uns entsprechend beeinflussen?

Unten seht ihr den Vortrag über die unterschätzten Fähigkeiten des Darms beim WDR5 Science Slam, der Buchverlage auf Guila Enders aufmerksam gemacht hat.