Kontaktlos als Normalzustand

Für uns zählt die aktuelle Kontaktsperre als Ausnahmezustand schlecht hin. Für meinen Nachbarn Herrn D. jedoch ist alles wie immer, denn das Alleinsein ist für ihn die Normalität.

Der Ausnahmezustand aufgrund der Corona-Ansteckungsgefahr hat dazu geführt, dass sich das Leben zurzeit vorwiegend zuhause und im sehr beschränkten Bekanntenkreis abspielt. Wir treffen niemanden mehr und keiner kommt zu Besuch. Alle hoffen ein baldiges Ende der sozialen Eiszeit und es wird spekuliert, wie eine Gesellschaft danach aussehen könnte: Mehr Rücksicht aufeinander? Mehr Wertschätzung den Mitmenschen gegenüber?

Für den Herr, der in der Doppelhaushälfte nebenan wohnt, scheint das, was für uns der soziale Krisenmodus ist, Alltag zu sein: Seit ich vor 3,5 Jahren bei ihm nebenan eingezogen bin, sah ich nicht einmal jemanden zu Besuch kommen, es hat ihn noch nie jemand nach hause gebracht, selbst telefonieren habe ich ihn noch nie gehört.

Herr D. ist Mitte 60. Seit 2 Jahren ist er in Rente, davor war er 1 Jahr arbeitslos, nachdem die Firma, in der er Jahrzehnte lang arbeitete, bankrott ging. Seine Stelle wurde „sozialverträglich abgebaut“ mit einer Abfindung. Er lebt recht zentrumsnah ohne ersichtliche Geldsorgen in 130 Quadratmetern, ist schlank, gesund, ordentlich und geistig fit. Nur eben ganz allein.

Manchmal sehe ich Herrn D. im Garten, wenn ich auch draußen bin. Unsere Grundstücke sind beide recht klein. Sie sind durch einen Zaun getrennt, über den wir uns sehen und auch unterhalten können. Meistens bemerke ich Herrn D. aber erst, wenn ich mich zufällig umdrehe und mein Blick sein Grundstück streift. Dann sehe ich ihn beim Unkraut rupfen oder Hecke schneiden, und frage mich: Wie lange ist er da schon?

Ich spreche ihn an, wenn ich ihn sehe, verwickle ihn manchmal in Small Talk. Er antwortet auch freundlich, aber kurz, wartet dann ab, ob mir noch ein weiteres Thema einfällt, um das Gespräch weiterzuführen. Das Gespräch beendet hat er aber noch nie, obwohl er immer irgendetwas machte oder vorhat.

Angesprochen hat mich Herr D. bisher nur ein Mal proaktiv, als wir einen Wasserschaden in unserem Keller hatten. Seine Kellerwand war wohl auch nass und er wollte wissen, ob das Wasser aus unserem Keller kam oder aus seinem. Das ließ sich schnell klären: Aus unserem. Hatte er sich vielleicht gewünscht, dass wir es auch nicht wussten und wir ein bisschen spekuliert hätten?

Vor ca. 3 Jahren starb Herrn D.s Mutter, die in einer benachbarten Stadt wohnte. Dann ist er regelmäßig in ihr Haus gefahren, um den Nachlass zu sortieren und aufzulösen. Manchmal fährt er auch in den Urlaub, zum Beispiel nach Dresden.

Manchmal geht Herr D. auch raus zum joggen. Vielleicht wäre eine Laufgruppe was für ihn. Oder vielleicht würde er auch mit mir morgens joggen, bevor ich zur Arbeit fahre. Vielleicht will er aber auch lieber alleine laufen? So wie ich…

Zwei oder drei Mal bemerkten mein Freund und ich bisher, dass Herr D. an seiner Haustür oder an der Mülltonne zu unserem Eingang hin auffallend lange stehen blieb, wenn er uns bemerkte. Mir kam es dann so vor, als schaue er irgendwie erwartungsvoll, als hätte er „die Ohren gespitzt“. Hoffte er, dass wir ihn ansprechen würden? Wir taten es dann auch. Eilig hatte er es wie immer nicht, viel sagen tat er aber wie immer auch nicht.

Im Winter bringen wir Herrn D. manchmal Selbstgebackenes und letztes Jahr im Sommer habe ich ihm eine Schale mit selbstgepflückten Erdbeeren gebracht, er hatte selbst wohl noch welche Zuhause. Ich meinte, er kann sie dann ja wem weitergeben, weil wir wirklich zu viel hatten, und er fragte: „Wem denn?“ Er klang resigniert und so, als wolle er eigentlich noch was hinterher sagen. Als wolle er mit mir über seine Situation reden, mir sagen, dass er einsam ist, mir vielleicht auch erklären, wie lange schon und warum. Aber er sagte gar nichts mehr. Ich sagte auch nichts mehr, ich war erstmal sprachlos, obwohl die Frage eigentlich offensichtlich war.

Ich weiß nicht, ob Herr D. mal verheiratet war. Ist seine Frau gestorben? Sind sie geschieden? Gibt es Kinder? Sind die vielleicht auch gestorben? Oder hat eine Angebetete ihn vielleicht abgewiesen? Ist er deswegen alleine geblieben?

Sieht das Alleinsein vielleicht von außen schlimmer aus, als es ist? Bedauern wir ihn, weil wir selbst nicht alleine sein wollen? Bedauert er uns vielleicht, weil wir nie alleine sind?

Wie kann ich mehr über Herrn D. herausfinden (indem ich ihn frage wahrscheinlich…)? Wieviel kriegt er von unserem Leben mit? Wieviel will er überhaupt von unserem Leben mitkriegen? Hat er sich ausgesucht, alleine zu sein? Wenn ja, warum? Wenn nicht, wie ist es so weit gekommen? Stört ihn es überhaupt? Ob er die Antworten auf diese Fragen wohl selbst kennen würde?