Wo sind die Russlanddeutschen?

In früheren Beiträgen habe ich ja schon dargestellt, dass meine Familie aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland gezogen sind, wie sehr viele andere Familien. Das war 1991. Jetzt frage ich mich: Was ist aus den anderen geworden?

Die „Flüchtlingswelle“ von 2015 haben mich und vielleicht auch andere an die Situation der Russlanddeutschen zurückdenken lassen: Viele Fremde kamen nach Deutschland, hatten scheinbar auch ein Recht darauf, wurden provisorisch untergebracht (teilweise sogar in den gleichen Unterkünften), und sollten sich integrieren.

Viele fragen sich, was aus der Gemeinschaft der Flüchtlinge und aus Deutschland als Land werden soll. Kann man das nicht irgendwie anhand der Russlanddeutschen prognostizieren? Und wenn ja, welche Prognose ergibt sich daraus? Was ist denn aus den Russlanddeutschen eigentlich geworden? Wo sind sie jetzt? Wie leben sie? Mit wem sind sie verheiratet? Wie heißen sie? Wie geht’s ihnen? Und wie fühlen sie sich?

Vergleiche

Meine eigene Familie kann ich kurz beschreiben. Alle haben sich irgendwie fortgepflanzt: Bestimmt 30 Kinder meiner Onkels, Tanten, Cousins o.ä. sind in Deutschland geboren. Alle sind mehr oder weniger im deutschen Leben angekommen: Wir haben Schulabschlüsse oder gehen auf Gymnasien, ich hab sogar ein Studium beendet. Alle haben Arbeit, die meisten sogar fest angestellt in Vollzeit. Materiell sind wir fast in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Einige unserer Familie haben Eigenheime, der erste hat es jetzt sogar schon abbezahlt. Meine jüngeren Familienangehörige haben Namen wie Laura, Niclas oder Dominik und können meistens nicht mal mehr das R rollen, von einem Akzent ganz zu schweigen.

Geht es so wie uns den meisten russlanddeutschen Familien? Sind wir damit gut integriert?

Außer den AfD-ler Waldemar Herdt findet sich kein Russlanddeutschen im Bundestag, zumindest auf den ersten Blick nicht. Wonach ich Ausschau gehalten habe sind die typischen Nachnamen wie Isaak, Friesen, Janzen, Ens, oder typische Vornamen aus der Generation meiner Eltern wie Johann, Andreas, Tatjana, Natascha oder auch Katharina. Das ist zugegebener Maßen ziemlich oberflächlich, aber immerhin ein Anfangspunkt.

Heißt das, wir sind also nicht gut integriert? Zu den Machern zählen wir noch nicht. Aber ab wann tut man das als Minderheit im neuen Land? Ab wann ist man gesellschaftlich integriert, im Sinne einer politischen Gesellschaft, nicht nur in der Nachbarschaft und in der Firma?

Vielleicht kommt das, wenn die ersten Kinder unserer Familien das Studium abschließen. Immerhin sind die Macher unseres Landes ja sehr fast alle Akademiker.

Next level

Einen türkischen Hintergrund haben im Vergleich zu Russlanddeutschen ziemlich viele Abgeordnete. Wie kommt das? Sind die Türken im Schnitt besser gebildet, als Russlanddeutsche? Haben sie die nächste Stufe der Integration erreicht, die wir Russlanddeutschen noch anstreben?

Warum richten sich aktuell wieder viele Angriffe gegen die türkisch-stämmige Gemeinschaft, wie z.B. die Angriffe in Hanau, und warum bleiben die den Russlanddeutschen erspart, wenn die Türken eigentlich besser integriert sind?

Warum denken die meisten Leute nicht an die Russlanddeutschen, wenn sie die Flüchtlinge von heutzutage sehen? Kann man die beiden Gruppen überhaupt vergleichen?

Wo kann ich mehr über Russlanddeutsche herausfinden, und wie? Ich gehöre dazu, aber kenne keine Anlaufstelle. Sind „wir“ überhaupt noch irgendwo erfasst?

Viele Fragen, kaum Antworten, wie so oft.

Im ARD Morgenmagazin gibt es diese Videos, die sich mit Russlanddeutschen beschäftigen:

Was bewegt Russlanddeutsch?

Russlanddeutsche und die AfD: Die neue Lieblingspartei?