Ein Stück Freiheit

Die Süßigkeit aus dem russischen Supermarkt, die einst in diese Verpackung eingewickelt war, steht für ein Stück Freiheit für mich.

Diesen Text möchte ich im Laufe der Zeit immer wieder bearbeiten, um ihn als Übungsstück für meine Schreibfähigkeiten zu verwenden. Die Übung kommt von Piqd Online College und aus dem Podcast „Mit Sprache spielen“ von der Correctiv Reporterfabrik.

Seit heute Nachmittag trage ich ein Stück Bonbon-Papier in meiner rechten Hosentasche. Es ist eigentlich kein Bonbon-Papier, sondern kommt von einer einzeln verpackten Praline. Wobei „Praline“ auch übertrieben ist für das süße, mit Schoko-Fettglasur überzogene Lebensmittel, was darin eingewickelt war. Und es eigentlich ist es auch kein Papier ist, sondern eine dünne bedruckte Alufolie.

Diese bedruckte Alufolie ist ca. 5×4 cm groß, sehr faltig, weil ich sie zusammengeknüllt hatte und hat jetzt einen U-förmigen Riss, der beim Auseinanderfalten für diese Beschreibung aus Versehen entstanden ist.

Die Vorderseite ist Hellbraun mit einem dunkelbraunen runden Kreis in der Mitte,der eine dünne goldene Umrandung hat. Kreis und Goldrand scheinen das Logo einer Marke namens Wawel zu sein. Zumindest steht das in heller geschwungener Schrift in der Mitte des Kreises. Unter Wawel stehen zwei kurze Zeilen Text in Polnisch, Tschechisch oder einer anderen slawischen Sprache, die ich nicht kenne. Wahrscheinlich ist das Wawels Werbeslogen oder ein anderes Qualitätsversprechen.

Unter dem Wawel-Logo und dem Werbetext steht in Dunkelbraun Tiramisu, was die Geschmacksrichtung der Praline beschreiben soll. Um das Logo und der Geschmacksbeschreibung herum sind überall hell- und dunkelbraune Ovale und Linien in verschiedenen Größen, die vermutlich Kaffeebohnen und ein Stück Tiramisu darstellen sollen.

Diese Praline hatte ich in einem türkisch-russischen (und wahrscheinlich auch tschechischen und polnischen) Supermarkt gekauft. Dort ist ein Gang voller einzeln abgepacktem Konfekt und Pralinen, die dort als „russische Süßigkeiten“ beschrieben werden, obwohl einige davon scheinbar auch polnisch oder tschechisch sind. Ich nahm extra keine Tüte, weil ich sonst wieder viel zu viele einpacken würde, sondern nahm nur genug für eine Hand (3 Stück). Eigentlich suchte ich nach der Sorte mit einer Schwalbe, weil die in unserer Familie immer die beliebteste ist und ich sie auch gerne mag. Ich konnte sie aber nicht auf Anhieb finden, und bevor ich weiter in den Gang ging, und vielleicht doch noch eine Tüte nehmen und füllen würde, nahm ich in direkter Reichweite zwei von einer anderen Sorte, die ich auch mag, und diese da noch unbekannte Tiramisu-Praline, obwohl ich mir sicher war, dass sie der Geschmacksbezeichnung nicht gerecht werden würde.

Ich hatte mir die Süßigkeiten zum sofort essen gekauft, daher packte ich gar nicht erst alle drei davon in meine Tasche: Tiramisu behielt ich nach dem Bezahlen gleich in der Hand. Ich setzte mich in mein Auto, ich nahm mir die Praline gleich vor. Die Form war irgendwas zwischen Herz und Muschel mit einem glatten Boden. Die Hülle war knackig aus dunkler Schokolade, die wie (oft bei billigen Pralinen) gar nicht richtig nach Schokolade schmeckte. Der Boden war ziemlich dick aus der selben dunklen Schokolade.

Innen war auf dem Boden eine weiße Schicht mit einer Konsistenz zwischen cremig und klebrig, wie man sie eigentlich nur aus verschiedenen Pralinen kennt (ich zumindest). Darüber war noch eine Schicht flüssiges Karamell. Sehr süß, klebrig und weit entfernt von italienischem Nachtisch – alles in allem war der Geschmack genau wie erwartet. Eine leichte Kaffeenote hatte sie schon, das überraschte mich ein bisschen, weil die russischen und pseudo-russischen Süßigkeiten auch oft damit auskommen, überhaupt nichts von der angekündigten Geschmacksrichtung an sich zu haben.

Vielleicht lag es daran, dass ich nicht erwartet hatte, dass die Praline nach Tiramisu schmeckte, oder vielleicht daran, dass der süße Geschmack sofort Glückshormone freisetzte. Auf jeden Fall machte mich die Praline in dem Moment sehr zufrieden. Die Sonne schien, es war ein ruhiger Nachmittag, ich hatte keine Termine mehr. Ich fühlte mich frei in meinem Auto, und erst recht fühlte ich mich frei in dem Gang der „russischen“ Süßigkeiten, der mich jedes Mal gedanklich zurück in die Kindheit katapultieren.

Mit meinen Eltern waren wir selten in russischen Supermärkten, aber wenn, wirkte die Auswahl an Süßigkeiten in den bunt-glänzenden Verpackungen auf mich riesig und unwiderstehlich. Meine Eltern verglichen immer die Preise für die Süßigkeiten in dem russischen Supermarkt in Deutschland mit denen aus ihrer Kindheit in Russland, wobei natürlich die deutschen Preise dann immer sehr schlecht abschnitten. Aus Prinzip kauften wir also fast nie diese Süßigkeiten. Und wenn, durften wir sie nicht sofort essen, sondern sie wurden aufbewahrt in einem Regelfach, an das wir Kinder nicht ohne Weiteres dran kamen. Die Süßigkeiten gab es dann bei Familienfesten oder anderen speziellen Anlässen, oder bei unseren Omas in kitschig verzierten Kristallschälchen auf dem Couchtisch mit gehäkeltem Tischdeckchen. Da war man dann aber den Blicken aller anderen ausgesetzt, wenn man an die Süßigkeiten wollte, weil ja alle auf der Couch oder auf Stühlen um den Couchtisch herum saßen. Blöde Blicke, blöde Kommentare über meine Speckrollen, ein riesiger Zuckerrausch und ein schlechtes Gewissen, weil man zu viele gegessen hatte, oder eine große Enttäuschung, weil man sich nicht traute, viele davon zu essen – das gehörte in der Kindheit dazu, wenn es russische Süßigkeiten gab.

Jetzt aber schien die Sonne, ich war alleine, ich konnte so viele Süßigkeiten kaufen, wie ich wollte, es gab keinen Couchtisch und keine Kommentare. Jetzt als Erwachsene weiß ich, dass die verschiedenen Sorten eigentlich alle gleich – und zwar sehr süß – schmecken und die bunten Verpackungen wirken eher kitschig, statt verlockend. Aber die Tatsache, dass ich alle Süßigkeiten, die ich will, kaufen und in Ruhe essen kann, reizt mich jedes Mal, wenn ich in so einem russischen Supermarkt bin. Die Schwalbe nehme ich fast immer, nehme ich dazu noch eine mit dem Löwengesicht? Wie schmeckt nochmal die mit der Schneeflocke? Mochte ich die mit dem Gänseblümchen drauf? Ist egal, siehe oben: Die schmecken eh alle gleich.

Um die Pralinen geht es in dem Gang der russischen Süßigkeiten für mich nicht. Es geht um Überlegenheit und Freiheit. Das sind die Gefühle, die in mit aufsteigen, selbst wenn ich dann doch nicht so viele nehme, wie ich mir als Kind immer vorgestellt hatte. Meistens zumindest nicht.