Crème de la crème am Abgrund

Im Sommer-Camp der Organisation ROOF herrschte eine Atmosphäre von Wild West, Klassenfahrt und Katastrophe. Die abendliche Sonne und die ungezwungenen Manieren waren auf jeden Fall wunderschön!


Beim Sortieren meiner Fotobibliothek stieß ich auf die Bilder, die ich in den Jahren 2011 und 2013 im Dorf Belskyoe Ustye/Baranovo in Russland machte, als ich in einem Waisenhaus für behinderte Kinder arbeitete. Die Fotos sind für mich meine beste Arbeit und meine schrecklichste zugleich. Sie zeigen die Kinder, die Umgebung, die Lebensumstände, und ganz besonders viel von mir selbst.

Zwischen Ausbildung und Studium arbeitete ich in Belskyoe Ustye/Baranovo als Freiwillige für die Hilfsorganisation ROOF (Russian Orhan Opportuinity Fund) den Sommer über in einem Waisenhaus für behinderte Kinder. Ich war Teil einer internationalen Gruppe von Volunteers und dokumentierte die im Waisenhaus und die Arbeit der Freiwilligen in der abgelegenen russischen Provinz. Die Idee kam mir, weil ich irgendwas soziales und irgendwas im Ausland machen wollte. Ich wollte nicht für eine sehr große Organisation arbeiten, weil die meistens tausende Euros für den freiwilligen Einsatz berechneten, die ich nicht hatte. Dann stieß ich irgendwie auf ROOF, fand sie sympathisch und bewarb mich. Und mit meiner Fotografie-Ausbildung wurde ich dann gefragt, ob ich die Arbeit dokumentieren könnte.

Die Kinder

Einige der Kinder im Waisenhaus in Belskoye Ustye konnten sich ziemlich frei bewegen, waren körperlich nicht oder zumindest nicht besonders stark eingeschränkt. Andere hatten offensichtliche Fehlbildungen, leichte oder stärkere. Bei manchen hatte ich den Eindruck oder hörte entsprechende Geschichten, dass die Fehlbildungen wahrscheinlich durch Alkohol oder vielleicht auch Gewalt in der Schwangerschaft entstanden sein könnten. Und einige andere wirkten körperlich unbeeinträchtigt, aber sie lebten in einer anderen Welt. Sie murmelten Sachen oder schrieb ohne erkennbaren Grund, sie wippen hin und her, verkrampften sich, starrten einen an oder ins Leere.

Insgesamt lebten in der Institution ca. 100 Kinder. Wieviele von ihnen tatsächlich keine Eltern hatten, war nicht bekannt, oder zumindest nicht mir. Manche wurden abgegeben, weil sie körperlich behindert waren oder sich merkwürdig verhielten. Manche wurden den Eltern weggenommen.

Was wir über die Biografien einiger Kinder erfuhren, ließ ein Leben ohne Eltern auch wie die bessere Option wirken: Eingesperrt im Hundezwinger, oder vermietet für sexuelle Gefälligkeiten für eine Flasche Schnaps – das machten zwei Mädchen in der Gruppe durch, mit der ich am meisten zu tun hatte, bevor sie ins Waisenhaus kamen. Viele von uns Freiwilligen gingen die gleichen Fragen im Kopf durch: Welches Kind würde sich da nicht merkwürdig verhalten? Waren das geistige Behinderungen, oder eher starke Traumata? Aber war das nicht auch egal, was änderte das schon?

Die Erzieher

Einige Erzieher und Erzieherinnen waren fürsorglich. Sie sprachen liebevoll und bemühten sich, die Kinder zu erziehen. Aber die konnte man gefühlt an einer Hand abzählen. Viele andere traten die Kinder mit Füßen, manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Viel mehr kann ich über die Angestellten im Waisenhaus nicht sagen. Die Tage waren lang, man sah sich täglich, aber zu den Erziehern stellte sich bei mir fast kein Draht ein. Ich sprach zu der Zeit kaum Russisch, ich hab sie nie gefragt, was ich gerne wissen wollte: Wie sind Sie zu dem Job gekommen? Haben Sie selbst Kinder? Wie motivieren Sie sich? Oder: warum motivieren Sie sich nicht? Warum machen Sie nicht was anderes, wenn Sie die Kinder hier verachten? Haben Sie kein Mitgefühl? Das sind doch Kinder.

Viele Antworten konnte ich damals – und erst recht jetzt mit mehr Reflexion und Distanz – selbst finden: Das Dorf um das Waisenhaus herum war zerfallen, fast leer und weit weg von allem, welchen anderen Job konnte man denn da schon machen? Motivation hat man vielleicht für einen Sommer genug, aber für ein ganzes Leben? Wenn sich nichts bewegt, wenn man nichts erreicht? Die eigenen Kinder haben die gleichen Aussichten, wie man selbst, der Ehepartner steckt auch dort fest. Wie fühlt man sich Tag für Tag in so einem Umfeld, ohne den rettenden Heimflug in Sichtweite? In einem Umfeld, das förmlich zerfällt? In einem Dorf ohne Arbeit, manchmal ohne Strom? Mit den Geschichten der Kinder? Wie würde ich mich verhalten, wenn ich tatsächlich von mitten drin schauen würde, statt von oben herab?

Die Freiwilligen

Kein fließendes Wasser, keine Privatsphäre, kein Internet: Für uns Freiwilligen war der Sommer im Dorf eine Mischung aus Lagerfeuer, Heimweh, Unbekanntem, vielen Emotionen, viel Druck, Unfassbarem.

Die Organisation ROOF wurde geleitet von einer Familie, die aus USA mit ihren drei Kindern jährlich ins Dorf kamen. Wir alle wohnten zusammen in einem Haus im Dorf Baranovo, das ca. 1,5 km vom Waisenhaus in Belskoye ustye entfernt war. Verpflegt wurden wir von einer Frau aus der nächstgelegenen Stadt Porchov, die mit ihrem Sohn, der ebenfalls behindert war, während des Sommers zu uns ins Camp kam, um die Hauswirtschaft zu erledigen. Insgesamt waren wir 20 – 25 Leute. Andere Kulturen, neue Erfahrungen, weit weg von zuhause – irgendwie hatte es was von Klassenfahrt und gleichzeitig schaute man in den Abgrund.

Zum Frühstück gab es immer Getreidebrei und Instantkaffee. Es gab ein Plumpsklo im Wald, gewaschen haben wir uns im nahegelegenen Fluss. Mittags gingen wir vom Waisenhaus zurück nach Hause, oft melancholisch, erschöpft, überfordert. Nach dem Mittagessen zurück, oft nach einer kurzen Siesta oder nachdem wir was für das Nachmittagsprogramm vorbereitet hatten.

Einmal pro Woche machten wir die Holzsauna im Garten an. Um sich mal richtig zu waschen, klar, und irgendwie auch im die seelische Belastung ins Körperliche zu übertragen. Schwitzen und denken, an das, was man selber die Woche über erlebt hatte und das, was die Kindern wohl schon alles erlebt hatten. Sowas gab es also wirklich. Und es passierte (und passiert weiterhin), während wir unser Leben voller Büroarbeit, Ärger über hohe Spritpreise, sinnloser Facebook-Posts, Fußballtraining und Karriereplanung verbrachten. Und nach dem Sommer-Camp? Wenn wir gehen? Dann geht es hier in Belskoye Ustye genauso weiter. Wie sinnlos dieses Sommer-Camp war.

Die Bilder

Emotionale Aufgewühltheit, Identifikation, Verantwortung – ich steckte mittendrin, dachte über die Kinder nach, ärgerte mich über andere Freiwilligen, konnte nachts nicht schlafen und tagsüber nicht nachdenken – so entstanden meine besten Bilder.

Wenn ich die Fotos von damals sehe, bin ich wieder in Belskoye Ustye/Baranovo. Ich erinnere mich, wie jedes entstand. Ich sehe die Kinder vor mir, wie sie sich bewegen, höre ihr Stimmen. Ich spüre wieder die Temperaturen, rieche die Umgebung. Es riecht nach Schweiß und Urin und faul, nach nassen Wänden. Überall sind Fliegen und Mücken. Die Kinder lachen, irgendjemand weint oder schreit oder es ist leise. Die Zeit steht still. Ich spüre wieder die Ohnmacht. Wir konnten nichts machen, was brachte das alles schon? Die Kinder einen Sommer lang bespaßen – und dann?

In den Bildern sehe ich die Schwere, die ich oft in mir hatte. Ich wollte die Welt verändern, konnte nicht richtig fassen, dass das alles passiert, so wie es dort vor mir lag. Aber ich sehe auch die Freude, die die Arbeit von ROOF nach Belskoye Ustye brachte. Ich sehe die Klassenfahrt-Atmosphäre, die Schönheit der russischen Landschaft, in manchen sogar die Unbescholtenheit, die Kinder-Charakteren scheinbar niemals ganz verlieren. Und ich hoffe, Betrachter der Bilder, die nichts von Belskoye Ustye, Baranovo und dem Waisenhaus wussten, sehen das Gleiche. Das Schöne und das Schreckliche, so dicht beieinander.

Nach meinem ersten ROOF Sommer-Camp 2011 kam ich 2013 noch einmal zurück. Dieses mal wusste ich, was mich erwartete, nur, dass die Erwartungen sogar noch übertroffen wurden: Es gab jetzt einen Brunnen, und man hatte meistens sogar Wifi im Volunteer-Haus. Ich sehnte mich nach der Andersartigkeit des Lebens dort, nach dem modrig riechenden Waisenhaus, nach den Kindern, die einen akzeptierten, wie man war. Ich fühlte mich wohl in dem Umfeld, das zuerst bedrohlich und außerirdisch wirkte. Entspannte mich, hing einfach mit den Kindern ab, lachte viel mehr mit ihnen. Waschen im Fluss, Spaziergänge in der Sonne, den Tag über Spielen und Toben, abends manchmal Sauna – das war doch herrlich.

Langfristig verändert hatte sich seit meinem ersten Sommer-Camp nichts. Außer in mir.